Landfrau mit urbanem Auge 

Author: Lukas Rüttimann, Tagesanzeiger, Fotos: Stefan Jermann
Den Begriff Gärtnerei hört Floralgestalterin Olivia Hoffmann gar nicht gern. Tomaten und Salat werden im Gartencenter Hoffmann aber trotzdem verkauft. 

Floralgestalterin Olivia Hofmann: «Ich finde es spannend, etwas zu gestalten, das organisch gewachsen ist.»Floralgestalterin Olivia Hofmann: «Ich finde es spannend, etwas zu gestalten, das organisch gewachsen ist.»

Das Gartencenter Hofmann in Unterengstringen ist eigentlich ein Ort der Entspannung. Eine Oase der Harmonie, unweit der Stadtgrenze von Zürich. Doch auch in diesem grünen Paradies können zuweilen die Fetzen fliegen. Zum Beispiel zwischen Olivia Hoffmann und ihrem Mann, wenn es mal wieder darum geht, ob die Bezeichnung Gartencenter oder Gärtnerei für das Unternehmen noch passend sei oder nicht. «Ich selbst weigere mich standhaft, den Betrieb so zu nennen», schmunzelt die Fachfrau. Für sie haben diese Begriffe etwas Ältliches. «Das sind für mich Ausdrücke von früher. Was ich mache, hat definitiv mehr mit Gestaltung als mit einer Gärtnerei zu tun.»

Zum Glück führt Olivia Hoffmann den Blumenladen. Bei diesem Teil des Betriebes gibt es keine zwei Meinungen. Und von der Namensfrage des Centers mal abgesehen zieht das Ehepaar Hoffmann ohnehin am gleichen Strang. Immerhin haben sich die beiden bei der Arbeit kennen gelernt. Sie als aus dem Berner Oberland zugezogene Floristin; er als Chef der Gärtnerei, die er zusammen mit seinem Bruder von den Eltern übernommen hat. Gemeinsam wurde vor ein paar Jahren der Entscheid gefällt, das Geschäft im mittleren bis hochpreisigen Segment neu zu positionieren. «Das reine Kaufen ist bei uns nicht mehr das Wichtigste. Im Zentrum steht heute mehr das Erlebnis, der Genuss», beschreibt Hoffmann das Konzept. Nach wie vor werden im Gartencenter Hoffmann zwar Klassiker wie Tomatenstauden oder Salatsetzlinge verkauft. Aber: «Mit Tomaten kann man sich nicht von der Konkurrenz abheben. Irgendwann muss man sich für etwas entscheiden. Bei uns ist es die Ausstellung, die ganz klar in den Vordergrund gerückt ist.»

«Die Natur gibt die Trends selber vor.»

Wer schon einmal durch die Anlage des Hoffmann Gartencenters gelaufen ist, weiss, was die Chefin damit meint: In ihrem Laden stehen die Blumen nicht einfach so herum. Viele sind von ihren zwölf Mitarbeiterinnen in perfekten Serien angeordnet worden oder stehen in ganz speziellen Gefässen, wurden originell kombiniert oder in Form geschnitten. Auch draussen in der Gärtnerei sieht es edel und gepflegt aus. Die verschiedenen Pflanzengruppen wurden sinnvoll unterteilt, der Garten ist grosszügig angelegt, die einzelnen Pflanzen sind stilvoll inszeniert. Dazu gehören auch die zahlreichen Bonsai-Bäume, von denen einige bis zu hundert Jahre alt sind und imEinzelfall bis zu 40000 Franken kosten können. Kein Zweifel: Für jeden, der die Natur gern organisiert hat, ist das Center ein Erlebnis. Hoffmann sagt denn auch, dass ihre Arbeit zunehmend mit Design oder Architektur zu tun habe. Einem Feld, auf das sie sich nach ihrer Meisterprüfung 2008 bei der renommierten SpezialistinNicole von Boletzky konzentriert hat. Hoffmann: «Das Wohnen hat sich verändert: Licht, Raum und Materialen sind heute anders. Man hat als Gestalterin ganz neue Möglichkeiten.»

Dass die Berner Oberländerinnicht nur die Natur, sondern auch das Urbane liebt, hat sie früh gemerkt. Weil ein Cousin von ihr im Kreis 5 wohnte und sie für ein paar Tage zu sich nach Hause in die Ferien einlud, zog die damals junge Frau ein halbes Jahr später mit Sack und Pack aus dem beschaulichen Meiringen nach Zürich. «Ich fand das Leben in der Stadt schön. Mir hat gefallen, dass in Zürich immer etwas passiert», blickt sie zurück. Das urbane Leben wurde auch zu einem der Hauptaspekte ihrer Arbeit. Heute werde über die Begrünung anders nachgedacht als früher, sagt sie. «Die Leute arbeiten viel. Deshalb holt man sichdie Erholung nachHause. Mir macht es Freude, den Leuten bei der Gestaltung zu helfen.»

Völlig zur Städterin ist Hoffmann deshalb trotzdemnicht geworden. Der Natur bleibt sie nicht nur in ihrem Job verbunden. Auch privat liebt sie es entspannt, wohnt mit Mann, Hunden und Pferd im Grünen. Es sei für sie immer klar gewesen, dass sie beruflich etwas mit der Natur machen wollte, sagt sie. «Ich finde es spannend, etwas zu gestalten, das organisch gewachsen ist.» Wenn man sie nach Trends fragt, runzelt Hoffmann die Stirn: Die Natur gebe die Trends mit ihren Jahreszeiten bereits vor, erklärt sie. Und führt als Beispiel den aktuell beliebten Maiglöckchenbaum an, von dem sie sagt, dass er «genau mein Ding» sei: Im Winter kahl, imFrühlingweiss blühend, im Sommer grün und imHerbst feuerrot.

Ebenfalls Hoffmanns Ding sind Ausstellungen. Dort kann sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Wer schon einmal an der Gartenmesse Giardina durch die Hallen geschritten ist, dem dürfte ihre Arbeit bestimmt aufgefallen sein. In schöner Regelmässigkeit werden die edlen Installationen der mehrfachen Giardina-Gold-Award-Preisträgerin zum schönsten Stand der Messe gewählt. Etwa, wenn sie Blumenkreationen als Lichtinseln inszeniert oder wie bei der jüngsten Ausstellung eine Königstafel samt dreiMeter hohen Blumenwänden auf einem Podest aufbaut, um das Ganze von oben herab in purpurne Blüten zu tauchen. Nicht nur, weil dazu mystische Klänge erklingen, erklärt sie ihre Philosophie als Floralgestalterin fast ein wenig träumerisch: «Ichmöchte die Besucher in eine andere Welt entführen – eine voller Natur, die man so nicht kaufen, aber spüren kann.»

Entnommen aus: Tages Anzeiger "Luxus" vom 22. März 2014


 

FLORALGESTALTUNG
In der heutigen Zeit werde fast alles unter dem Begriff Design vermarktet, sagt Olivia Hoffman. Sie selbst will die Ästhetik, die Natur und das Schöne ansprechen. Die Architektur der heutigen Zeit werde von schlichter Eleganz und kühler Wirkung geprägt. Doch die Betonbauten würden nicht jede Stilrichtung zulassen. Und genau da erfüllen Hoffmanns Objekte ihren Zweck: Sie sind gestalterisch klar gegliedert und doch mit einem spielerischen Touch versehen.
www.floralgestaltung.ch